Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft

Vorlesung: ‚Unrettbare Ichs‘ und ‚kernlose Menschen‘: Arthur Schnitzlers Erzählwerk in chronologischer Folge

Mittwoch, 03.12.2025

„Er [Arthur Schnitzler] steht zwischen jenen, die der Zeit einen Spiegel, und jenen, die ihr einen Paravant vorhalten; irgendwie gehört er in ihr Boudoir“ – so ätzte der Satiriker Karl Kraus 1912 gegen den damals wohl bekanntesten deutschsprachigen Dramatiker. Trotz seinem Status als einer der bedeutendsten Autoren der sogenannten Wiener Moderne haftete Arthur Schnitzler (1862–1931) zu Lebzeiten und bis heute zu Unrecht der Ruch eines leichten Unterhaltungsschriftstellers an. Vor allem in der frühen Phase seines Schaffens war Schnitzler primär ein sehr berühmter Theaterautor; etwa ab 1905 begann er sich vermehrt der erzählenden Prosa zuzuwenden. 1911, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, schreibt er in seinem Tagebuch: „Als Erzähler behaupte ich mich besser wie als Dramatiker“. Felix Tweraser deutet diesen „turn to narrative“ als ästhetisch begründete Entscheidung Schnitzlers: Als Nuancierung seines Strebens, die psychischen Zustände seiner Figuren und ihre gesellschaftliche Lebenswelt mit grösster Präzision zu beschreiben – hierfür habe sich die Prosa letztlich besser geeignet als die dramatische Form. Diese Vorlesung ist deshalb Arthur Schnitzlers (Kurz-)prosa gewidmet. In den chronologisch angeordneten Sitzungen sollen einige seiner wichtigsten Erzählungen von den 1890er- bis zu den späten 1920er-Jahren aus wissens- und ideengeschichtlicher Perspektive gelesen und analysiert werden, unter Einbezug des jeweiligen Forschungsstands. Dabei soll es nicht nur um kanonisierte Werke wie "Leutnant Gustl" (1900), "Fräulein Else" (1924) oder die "Traumnovelle" (1926) gehen, sondern auch um vermeintlich abseitige Erzählungen wie "Frau Beate und ihr Sohn" (1913), "Casanovas Heimfahrt" (1918) oder "Flucht in die Finsternis" (1912-17/1931).

Veranstaltungsart:Vorlesung/Seminar
Dozierende(r): PD Dr. Julian Kaspar Reidy
03.12.2025:14:15 - 16:00
Ort: Unitobler
Lerchenweg 36
3012 Bern
EG, F 022

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